Sounds of Stabi : Eine akustische Vermessung der Staatsbibliothek zu Berlin am Kulturforum

Die von Hans Scharoun entworfene Staatsbibliothek am Kulturforum ist ein zentraler Ort wissenschaftlicher wie literarischer Textproduktion in Berlin. Neben der hohen Raumqualität dieser Ikone moderner Bibliotheksarchitektur befördert auch ihre charakteristische, von Wim Wenders in seinem Film Der Himmel über Berlin (1987) ästhetisierte Geräuschkulisse ganz wesentlich die kreative Schreibarbeit im Lesesaal. Nach Stefanie de Velascos Einschätzung gibt es nämlich „viele von uns hier, Schriftstellerinnen.“[1] Und Judith Schalansky wie auch Eva Menasse bekennen sich sogar ausdrücklich zur Bedeutung ihres Schreibtischs in der Staatsbibliothek für ihr Werk:

„Undenkbar, dass ich ohne diesen Ort auch nur eines meiner Bücher geschrieben hätte. Es vergeht kaum eine Woche, in der ich mich nicht hierher begebe.“[2]

„Meine letzten beiden Bücher sind zum größten Teil in der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz entstanden. So ist mir diese Bibliothek zu einem fast mystischen Ort geworden, jenem nämlich, wo schon zweimal etwas Großes, Schweres gelungen ist.“[3]

Diesem besonderen Inspirationspotential der Sounds of Stabi geht ein in Kooperation mit dem Hörverlag speak low sowie der Medienwissenschaftlerin Hannah Wiemer realisiertes Vorhaben der Staatsbibliothek zur akustischen Vermessung ihres Scharoun-Gebäudes am Kulturforum nach. Am Vorabend von dessen Generalinstandsetzung soll damit die Möglichkeit geschaffen werden, sich die Staatsbibliothek nach Hause zu holen – gerade auch während ihrer baubedingten Schließzeit.

Die von speak low realisierte Audioproduktion umfasst zwei MP3-CDs mit einer Gesamtlänge von 557 Minuten. Die auf der ersten CD publizierten Stereoaufnahmen können in gewohnter Weise über Lautsprecher abgespielt werden, während die zweite CD binaurale Aufnahmen enthält. Binaurale Aufnahmen sind dem natürlichen Hören mit beiden Ohren nachempfunden, weshalb sie die Wahrnehmung eines räumlichen Klangbilds ermöglichen, in dem Richtungen, Distanzen und Bewegungen von Geräuschen nicht nur zweidimensional von links und rechts (Stereo), sondern auch dreidimensional von vorne, hinten, oben und unten abgebildet sind. Für binaurale Aufnahmen werden in der Regel sogenannte Kunstköpfe eingesetzt, also Nachbildungen von menschlichen Schädeln mit modellierten Ohrmuscheln, in deren Gehörgängen jeweils ein Mikrofon sitzt. Das zweispurig aufgenommene binaurale Audiosignal beinhaltet daher auch die Filterungen und Reflektionen der Ohrmuscheln sowie die Abschattungen des Kopfes (und Torsos), die das menschliche Gehirn als räumliche Eigenschaften von Klängen interpretiert. Damit ein dreidimensionales Klangbild entsteht, sollte binaurales Audio über Kopfhörer gehört werden.

Den hier verfügbar gemachten Audiodateien mit den Geräuschkulissen von neun ausgewählten Räumen und technischen Anlagen ist auf den beiden CDs zusätzlich noch ein von professionellen Stimmen gesprochener Hörspaziergang durch die Staatsbibliothek am Kulturforum vorangestellt – den Forschungen von Hannah Wiemer zu den materiellen wie intellektuellen Bedingungen der verschiedenen Klangsphären des Gebäudes entlang.[4] Daher führt diese akustische Promenade sowohl durch Foyer, Lesesaal und Cafeteria als auch in die Eingeweide der Haustechnik – etwa in die an die Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise erinnernde Umschlagzentrale der Kastenförderanlage. Denn unter dem Eindruck der kybernetischen Steuerungseuphorie der 1960er Jahre entwarf Hans Scharoun seine Staatsbibliothek als gigantische selbstgesteuerte Maschine, von der konstant zugeführte Ströme von Büchern, Zeitschriften und Informationen gewissermaßen am Fließband zu Ideen, Texten und letztlich zu neuen Publikationen, zu frischem Rohstoff für den intellektuellen Produktionsprozess verarbeitet werden.[5] Diesem Zusammenhang in seiner Bedeutung für das akustische Inspirationspotential von Scharouns Bibliotheksgebäude geht ausführlicher ein im begleitenden CD-Booklet veröffentlichter Essay nach.[6]

Die Doppel-CD ist im Buchhandel erhältlich oder direkt über speak low. Eine virtuelle Ausstellung dokumentiert dieses Akustik-Projekt – via: http://sbb.berlin/sounds.

 

[1] Stefanie de Velasco: Die Erste, in: Zitty: das Wochenmagazin für Berlin 33 (2017), S. 78.

[2] Judith Schalansky: Mein Schreibtisch steht in der Staatsbibliothek, in: Bibliotheksmagazin: Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München, 2012/3, S. 10-12; hier S. 10, https://doi.org/10.58159/20230413-005.

[3] Eva Menasse: Stabi + ich = stabil, in: Bibliotheksmagazin: Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München, 2013/3, S. 49-52; hier S. 49, https://doi.org/10.58159/20230413-002.

[4] Vgl. Hannah Wiemer: West-Berliner Leselandschaft. Die Bibliothek als logistisches Denkwerkzeug, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft 14 (2022), S. 154-161, https://doi.org/10.14361/zfmw-2022-140213, sowie Hannah Wiemer: The West Berlin Staatsbibliothek and the Sound Politics of Libraries, in: Grey Room 87 (2022), S. 44-65, https://doi.org/10.1162/grey_a_00343.

[5] Siehe dazu Hannah Wiemer: Der Weg des Buches: der Scharounbau der Staatsbibliothek zwischen Bücher- und Straßenverkehr, via: https://www.youtube.com/watch?v=fn3-zmepT5Q.

[6] Vgl. Christian Mathieu: Vom Band – im Klangraum von Hans Scharouns Büchermaschine. Eine Erhörung, in: Sounds of Stabi. Eine akustische Vermessung der Staatsbibliothek zu Berlin am Kulturforum, Berlin 2024, S. 9-19.

Vorschau

Zitieren

Zitierform:
Zitierform konnte nicht geladen werden.

Zugriffsstatistik

Gesamt:
Volltextzugriffe:
Metadatenansicht:
12 Monate:
Volltextzugriffe:
Metadatenansicht:

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten